Teersand-Förderung in Kanada –
Verheerende Folgen für Mensch und Umwelt

Im Norden der kanadischen Provinz Alberta lagern – „verpackt“ im Teersand – die drittgrößten Erdölvorräte der Erde. Diese Vorräte will Kanada ausbeuten. Es locken Riesengewinne in einer Zeit, in der konventionelle Ölreserven zur Neige gehen. Denn dieser Umstand treibt den Ölpreis in die Höhe und das wiederum macht den enormen Aufwand, der bei der Gewinnung von Öl aus Teersand betrieben werden muss, rentabel.

Um alles „Störende“ für den Teersandabbau aus dem Weg zu räumen, ist Kanada sogar aus dem Kyoto-Protokoll ausgetreten, denn das so gewonnene Öl hat eine verheerende Öko- und Klimabilanz.

Was macht Teersandöl zu „schmutzigem“ Öl?

Teersandöl wird nicht, wie man es landläufig kennt, mit Hilfe von Bohrungen gefördert, sondern es lagert großflächig als Bitumen-Sand-Gemisch in der Erde, wenige Meter unter dem Wald-, Sand- oder Sumpfboden. Um den Teersand abbauen zu können, müssen der Wald abgeholzt und die obersten Erdschichten bis zu einer Tiefe von 30 Metern abgetragen werden. Auf diese Weise entstehen gigantische Tagebau-Mondlandschaften, die im Gebiet von Fort McMurray und Fort McKay im Nordosten Albertas bereits wie große Wunden die Naturlandschaft, wie man sie mit Kanada verbindet, nachhaltig zerstört haben.

Teersandabbau in Alberta: Anlagen der Syncrude Ltd., Klärschlammteiche und Schwefelhalden. Foto: David Dodge; The Pembina Institute

Das Öl wird in einem aufwändigen Prozess unter Einsatz riesiger Wassermengen, die dem vorbeifließenden Athabasca-Fluss entzogen werden, und Chemikalien aus dem Teersand extrahiert. Die dabei anfallenden giftigen Rückstände werden in künstlich angelegte Abwasserseen geleitet. Die hohen Dämme rund um diese Seen sollen das Eindringen der Giftbrühe in den Athabasca verhindern, doch sie verhindern nicht, dass das Gift durch Versickern des Abwassers ins Grundwasser eindringt und so alles, Flora, Fauna und die Menschen, die hier leben, vergiftet, krank macht und auch tötet.

Teersandabbau zerstört das Leben der Indianer

Neben den zerstörerischen Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima, hat der Teersand-Abbau in Alberta verheerende Auswirkungen auf die Menschen, die in diesem Gebiet leben – die Angehörigen der First Nations. So werden in Kanada die Ureinwohner (Indianer) offiziell bezeichnet.300 Meilen flussabwärts von Fort McMurray liegt das Reservat der Chipewyan First Nation. Häuptling und Stammesrat sind erbitterte Gegner des Teersandabbaus. Sie sehen darin die Ursache für die Vergiftung des Athabasca-Flusses und des Athabasca-Sees, in den der Fluss mündet.

2005 alarmierte der Arzt John O'Connor die Gesundheitsbehörden. Er hatte eine auffällige Häufung einer sehr seltenen Krebserkrankung des Gallen-
gangs bei Indianern des Reservats festgestellt. Man beschuldigte den Arzt zunächst der Panikmache, rehabilitierte ihn aber später, als eine weitere Analyse seinen Verdacht erhärtete.

2006 stellten Wissenschaftler, die im Auftrag der Ölindustrie arbeiteten, extrem hohe Konzentrationen von Arsen in Elchfleisch und in Fischen fest (in einem Fall sogar 453 Mal über dem zulässigen Wert). Weitere Unter-
suchungen stromab der Teersandfördergebiete ergaben hohe Raten an Erbgutschädigungen in den Flussfischen.
Die Reaktion der Regierung von Alberta auf diese beunruhigenden Befunde entspricht einem schon bekannten Muster – sie streitet die Verantwortung der Ölförderindustrie ab: Da viele Indianer einen „ungesunden“ Lebens-
wandel hätten, könne man nicht mit Sicherheit behaupten, dass die Ursache für ihre Gesundheitsprobleme im Teersandabbau liegt.
Bei dieser Behauptung wird völlig außer Acht gelassen, dass der „ungesunde“ Lebenswandel auch daraus resultiert, dass die Ausbeutung des Landes für die Öl- und auch Gasgewinnung die traditionellen Jagd- und Fischgründe der Indianer unwiederbringlich zerstört. Dadurch sind Jagd und Fischerei, die Grundlagen einstiger traditioneller Wirtschaft der First Nations in diesem Gebiet, nicht mehr möglich. Die Folge für die ehemals sich selbst versorgenden indigenen Gemeinschaften im Norden Albertas ist bittere Armut. Mit dem Verschwinden von frischem Wild und Fisch auf dem Speise-
plan der Indianer bleiben meist nur noch die im Reservats-Supermarkt erhältlichen (oft ungesunden) Lebensmittel. Und die oft einzige Arbeitsmöglichkeit für viele im Reservat – Jagen, Fallenstellen und Fischen – fällt weg.

Ein auch in der europäischen Öffentlichkeit bekanntes Beispiel für die verhängnisvollen Auswirkungen der Gier nach Bodenschätzen ist der kulturelle und wirtschaftliche Niedergang der Lubicon Cree First Nation, deren traditionelles Stammesgebiet in der Provinz Alberta zu einem großen Teil an Erdölkonzerne verpachtet ist. Die Lubicon Cree selbst wurden nicht gefragt. Das Gebiet ist durchsetzt mit Öl- und Gasförderstätten sowie mit vielen Kilometern Pipeline. Die Verschmutzung der Umwelt durch den Abbau von Teersanden und häufige Brüche der Pipelines vergiften Land und Gewässer.

Und Europa?

Europa hätte die Möglichkeit, auf die Ausweitung oder die Drosselung des Teersand-Abbaus Einfluss zu nehmen. 2012 stand eine Verschärfung der Treibstoff-Qualitätsrichtlinie der EU auf der Tagesordnung des EU-Umweltrates. Es ging darum, die Einfuhr von Öl aus sogenannten unkonventionellen Quellen bzw. aus besonders klimaschädlicher Förderung nach Europa zu erschweren und somit quasi zu verhindern, indem es mit sehr hohen Auflagen (höhere Emissionswerte für CO2) belegt würde. Hintergrund ist das Klimaschutzziel der EU: Bis zum Jahr 2020 sollen Energiefirmen dafür sorgen, dass durch ihre Antriebsstoffe für den Verkehr sechs Prozent weniger Treibhausgase entstehen, gemessen am Jahr 2010. Um dieses Ziel zu erreichen, darf z. B. Öl mit einer schlechten Klimabilanz nicht Ausgangsstoff für den Antriebsstoff sein. So hat Benzin, das aus Teersandöl hergestellt wird, eine um 23 Prozent schlechtere CO2-Bilanz als Benzin aus herkömmlich (also per Ölbohrung On- oder Offshore) gefördertem Öl.

Leider konnte das EU-Expertengremium sich weder 2012 noch bei einer erneuten Behandlung des Themas im Juni 2013 auf einheitliche Emissionswerte einigen (einige EU-Mitglieder, darunter auch Deutschland, hatten sich der Stimme enthalten). Dafür hatte Kanada umfangreiche Lobby-Arbeit geleistet, denn die Harper-Regierung ist fest entschlossen, sich das große Geschäft mit dem Teersandöl nicht verderben zu lassen, auch wenn der Nachbar im Süden, die USA, scheinbar nicht mehr am Teersandöl interessiert ist. Grund hierfür ist der Boom des Fracking, einer ebenfalls als unkonventionell bezeichneten Methode der Erdöl- und Erdgasförderung, die ebenfalls verheerende Auswirkung auf die Umwelt hat und die die USA zur größten Energiemacht der Welt aufsteigen lässt.

So wurde der Bau der Pipeline Keystone XL, die das aus dem Teersand gewonnene Bitumen bzw. Öl quer durch den Kontinent bis in den Golf von Mexiko pumpen soll, vom US-Präsidenten Anfang 2012 zwar zunächst gestoppt, da die Umweltverträglichkeit des Projektes nicht im erforderlichen Umfang  geprüft worden war. Aber es ist zu befürchten, dass kanadische Ölkonzerne alles daran setzen werden, dass die Pipeline gebaut wird. Das allerdings dürfte schwerer den je werden: Denn der Widerstand gegen Keystone XL ist USA-weit enorm gewachsen und vereint mittlerweile die unterschiedlichsten Gruppen: Indigene, Umweltschützer und Landwirte.