Nordamerikanische Indianersprachen
und ihre Verbreitung

Vor mehr als 100 Jahren war die militärische Niederlage der nordamerikanischen Eingeborenen gegen die weißen Eindringlinge besiegelt. Doch damit nicht genug. Nachdem man die Indianer zum Großteil vernichtet hatte, sie ihres Landes und ihrer Wirtschaftsgrundlagen beraubt hatte, sollten sie nun auch kulturell „getötet“ werden. Sie wurden in Reservate eingesperrt, ihre Religion wurde verboten und ihre Kinder wurden aus der indianischen Gemeinschaft herausgerissen, indem sie in weit entfernte Internatsschulen geschickt wurden. Dort wurden sie in „weiße“ Kleidung gesteckt, bekamen eine „weiße“ Frisur und wurden nach „weißen“ Muster erzogen. Bei Strafe war es ihnen verboten ihre eigene Sprache zu benutzen. Im Laufe der Jahrzehnte wurde den meisten Eingeborenen das Englische geläufiger als die jeweilige Indianersprache, welche allmählich in Vergessenheit geriet. Viele Sprachen sind ausgestorben, weitere werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten verschwinden. Darüber kann auch nicht die scheinbar imposante Zahl von mehr als 200 noch gesprochenen Indianersprachen in Nordamerika hinwegtäuschen. Die meisten dieser Sprachen werden nur noch von wenigen und zudem meist alten Menschen benutzt. Für die jüngeren Generationen ist Englisch die Muttersprache geworden.

Im Jahre 1990 wurde in den Vereinigten Staaten ein Bundesgesetz verabschiedet, welches den Ureinwohnern den uneingeschränkten Gebrauch ihrer Sprache zusichert. Zudem gibt es in letzter Zeit verstärkte Bemühungen, gefährdete Indianersprachen zu retten. Trotzdem ist absehbar, daß für die meisten von ihnen jede Rettung zu spät kommt. Die Gründe, warum eine Indianersprache noch benutzt wird oder warum eben nicht, sind vielfältig. Die Anzahl der Stammesmitglieder, ihr Traditionsbewußtsein, die Abgeschiedenheit der Reservation, die Frage, ob sich mehrere verschiedene Stämme eine Reservation teilen müssen und nicht zuletzt die Dauer der Unterjochung spielen eine Rolle.

So sind die Indianersprachen der amerikanischen Ostküste (vorwiegend Algonkin-Dialekte) praktisch ausgestorben. Nur noch jeweils ein Dutzend Menschen sprechen Abenaki oder Delaware-Dialekte (Unami in Oklahoma und Munsee in Kanada). Andere Sprachen starben im vergangenen oder zu Beginn dieses Jahrhunderts aus (die letzte Frau, die die Mohegan-Sprache beherrschte, starb 1908). Nur im äußersten Nordosten der USA und im benachbarten Kanada sind mit dem Passamaquoddy (1.500 Sprecher) und dem Micmac (8.000) zwei Ostküsten-Algonkin- Sprachen recht lebendig. Auch bei den benachbarten Stämmen der Irokesenliga macht sich die lange Zeit der weißen Vorherrschaft bemerkbar. Obwohl als sehr traditionell geltend, beherrschen nur noch ungefähr 100 Onondaga ihre Sprache. Ähnlich sieht es bei den anderen Stämmen der Liga aus (Cayuga: 370, Oneida: 250, Seneca: 200, Tuscorora: 30). Einzig das Mohawk wird noch von zirka 2.000 Menschen gesprochen.

Obwohl der Südosten der USA heute weitestgehend indianerfrei ist, werden die Sprachen der einst dort beheimateten „Fünf zivilisierten Stämme“ noch von einigen tausend Menschen gesprochen. An der Spitze steht das von 20.500 Menschen gesprochene Cherokee. Ihrer Sprache besonders verhaftet sind dabei die Bewohner der Cherokee-Reservation in North Carolina, die 1838 der Deportation in die Indianergebiete entkommen konnten. Von deren 9.000 Bewohnern beherrscht noch der Großteil die eigene Sprache. Ähnlich sieht es in Florida aus, wo bei den in den Everglades-Sümpfen in Freiheit überlebenden Miccosukee noch die Hälfte der 1.200 Stammesmitglieder die Sprache benutzen. Doch auch in Oklahoma, der neuen Heimat der „Fünf zivilisierten Stämme“, sind die Indianersprachen recht lebendig. So sprechen dort noch fast 20.000 Menschen die verschiedenen Muskogean-Sprachen (Creek, Seminole, Choctaw und Chickasaw). Neben den genannten werden im ehemaligen Indianerterritorium und indianischen „Melting Pot“ Oklahoma noch zirka 20 andere Indianersprachen gesprochen. Die meisten davon unterlagen im Laufe der Zeit allerdings dem Druck der sie umgebenden amerikanischen Kultur und werden nur noch von wenigen Dutzend bis hundert Menschen gesprochen (z.B: Osage: 10, Wichita: 10, Pawnee: 10, Iowa-Otoe: 90, Caddo: 140, Shawnee: 230, Comanche: 850 oder Kiowa: 1100). Andere Sprachen, wie Huron, Illinois, Miami, Kichai oder Tonkawa sind praktisch ausgestorben, obwohl die Nachfahren dieser Stämme noch in Oklahoma ansässig sind.

Bei Stämmen, die nicht in das Indianerterritorium umgesiedelt wurden und ihre Reservation allein bewohnen, liegt der Anteil der indianischen Muttersprachler im Vergleich zur Gesamtzahl der in die Stammeslisten eingeschriebenen Mitglieder wesentlich höher. So sprechen noch ca. 670 Sauk und Fox in Iowa und Kansas die Mesquakie-Sprache. Das Kickapoo wird noch von 840 Angehörigen dieses Stammes gesprochen. Jeweils 1.500 Angehörige der Omaha und Hocák (Winnebago) in Nebraska verwenden noch ihre Indianersprache.

In anderen Reservationen der USA wurden dagegen mehrere verschiedene Stämme zusammengebracht, um so die Assimilation der Indianer voranzutreiben. Um untereinander zu kommunizieren, mußten sie sich des Englischen bedienen. So sind z.B. in der Colville Reservation im Bundesstaat Washington die Nachfahren von 13 verschiedenen Indianerstämmen (u.a. Colville, Nespelem, Nez Perze, Okanogan, Palouse und Wenatchee) zu Hause. Immerhin noch sechs sind es in der kalifornischen Round Valley Reservation (Yuki, Pit River, Pomo, Concow, Wailaki und Nomlachi). Die Grande Ronde Reservation in Oregon teilen sich fünf Stämme (Chasta, Kalapuya, Molalla, Rogue River und Umpqua). Dabei schien im Jahre 1954 das Ende dieser Stämme programmiert zu sein, als sie unter den Termination Act fielen und ihre Reservation aufgelöst wurde. Erst 30 Jahre später wurden sie von der US-Regierung wieder als Stämme anerkannt und erhielten eine Landbasis zurück. Seitdem versucht man in der Grande Ronde Reservation die indianische Kultur wiederzubeleben. Die Sprachen dieser Stämme werden aber als Alltagssprache für immer verschwinden, sprechen doch nur noch zwei Menschen das Kalapuya. Ähnlich wie in Grande Ronde sieht es bei vielen anderen kleinen Stämmen in Kalifornien und an der Nordwestküste aus.

Eine Hochburg der indianischen Kultur stellt der Südwesten der USA dar. So ist es auch nicht verwunderlich, daß dort die Indianersprachen noch sehr lebendig sind. Das Navajo (Dineh) ist mit 130.000 Sprechern die meistbenutzte indianische Sprache im Norden Amerikas. Auch bei den anderen Stämmen liegt der Anteil der indianischen Muttersprachler größtenteils bei über 50%. Bei den Apachen und dem kleinen Volk der Cocopa sind es gar 90%, die die jeweilige Sprache noch verwenden. Auch in den Pueblos des Südwesten sind die jeweilige Sprachen (Hopi, Zuni, Keres und Tiwa) noch gängige Verkehrssprachen. Allerdings schwanken die Zahlen der Sprecher von Ort zu Ort. Knapp 25% der Bewohner des Sandia Pueblos (Tiwa) nahe der Großstadt Albuquerque benutzen noch ihre Sprache, jeweils 30% sind es im Laguna und Santa Ana Pueblo (Keres). Bei fast 100% liegt der Anteil im Santo Domingo und San Felipe Pueblo (Keres).

Auch bei den anderen Eingeborenenvölkern Nordamerikas, den Inuit und Yup’ik (beide eher bekannt als Eskimo) und den Alëuten macht sich der Kulturwandel bemerkbar. Noch knapp ein Viertel der 2000 amerikanischen Alëuten beherrscht mehr oder weniger gut die eigene Sprache. Bei nur 10% liegt der Anteil bei den russischen Alëuten. Regionale Unterschiede gibt es bei der Verbreitung des Inuktitut, der Sprache der Inuit und Yup’ik. Im Osten Kanadas werden die verschiedenen Inuktitut-Dialekte noch von fast 90% der Inuit benutzt, mit Ausnahme der Labrador-Inuit, bei denen es weniger als 50% sind. Zwischen 30 und 60 % schwankt der Sprecher-Anteil im westlichen Kanada und bei den Yup’ik Alaskas. Mit der Errichtung autonomer Gebiete in Kanada werden sich diese Zahlen sicher noch stabilisieren.

Hoffnungsvoll stimmt auch die Tatsache, daß in den USA und in Kanada staatliche Programme zur Rettung gefährdeter Eingeborenen-Sprachen angelaufen sind. Die Alten, der jeweiligen Sprache noch mächtig, geben ihr Wissen an jüngere Generationen weiter. Doch wie auch auf anderen Gebieten der indianischen Traditionen ist dieses Wissen oft schon sehr lückenhaft und es bleibt abzuwarten, ob die indianischen Sprachen als Hauptträger einer Kultur wieder Einzug in den Alltag halten werden.