Die Geschichte der „Roten Indianer“

Beschäftigt man sich mit den amerikanischen Ureinwohnern, so „stolpert“ man unweigerlich über die Farbe Rot. „Rotes Volk“, „Roter Mann“ oder – weniger fein – „Rothaut“ sind gängige Bezeichnungen für die Indianer, um sie als solche zu kennzeichnen. Betrachtet man sich allerdings Fotos mit amerikanischen Ureinwohnern, so sieht man allenfalls Braun in vielen Schattierungen. Woher kommt also der Hinweis auf die rote Hautfarbe?

Körper- und Gesichtsbemalung war bei den meisten Indianern aus verschiedenen Gründen gängig. Auch wurde dabei sehr oft rote Farbe verwendet. Doch kein anderer Stamm verwendete sie so intensiv wie die heute ausgestorbenen Beothuk auf der kanadischen Insel Neufundland. Buchstäblich alles wurde mit einer Mischung aus pulverisiertem Ocker und Fischöl bzw. Tierfett bedeckt. Angefangen beim Körper, über die Gesichter, das Haar, die Kleidung, bis hin zu Werkzeugen und Dingen des persönlichen Bedarfs. Alles an ihnen war rot. Die Bedeutung dieses intensiven Gebrauchs liegt im Dunkeln, Erklärungen reichen vom Schutz vor Insekten bis hin zur Religion. Der Gebrauch der roten Bemalung war jedoch so intensiv, daß sogar die indianischen Nachbarn der Beothuk, die Micmac, jene als „Rote Indianer“ bezeichneten. Diese Bezeichnung übernahmen später wahrscheinlich auch die Europäer, die aus Roten Indianern „Rothäute“ machten, und damit alle Indianer meinten.

Den ersten Kontakt mit Europäern hatten die Beothuk bereits im 10. Jahrhundert, als sich die Wikinger, mit denen man Handel betrieb, auf der Insel niederließen. Doch diese Begegnung dauerte nur ca. 100 Jahre, dann verließen die Nordmänner das Land wieder und die Beothuk lebten friedlich an den Küsten ihrer Heimat. Sie ernährten sich von dem, was das Meer ihnen bot (Fische, Robben und anderes Meeresgetier). Die nächsten Europäer, die gegen Ende des 15. Jahrhunderts an den Küsten Neufundlands auftauchten, waren John Cabot und seine Männer, die die Nachricht vom sagenhaften Fischreichtum um die Insel herum mit nach Hause nahmen. Sofort machten sich Sommer für Sommer europäische Fischerboote auf den Weg zu den reichen Fischgründen vor Neufundland. Manche fingen allerdings nicht nur die Meerestiere, sondern jagten auch die Indianer, die sie als Sklaven nach Europa verschleppten.

Mitte des 16. Jahrhunderts, also lange bevor der restliche Osten Nordamerikas besiedelt wurde, waren es schon mehr als 400 Fischerboote, die jährlich nach Neufundland kamen. An den Küsten bauten sie ihre Häuser, die sie den Sommer über bewohnten. Im Herbst kamen die Beothuk in die verlassenen weißen Siedlungen und stahlen alles, was nicht niet- und nagelfest war. Ansonsten vermieden sie es aber, aufgrund schlechter Erfahrungen, näher mit den Weißen in Kontakt zu treten. So wurden sie 1612 von einem englischen Schiff, mit dem sie Handel treiben wollten, mit Kanonen beschossen und 1613 endete ein Aufstand, ausgelöst durch die Ermordung eines stehlenden Beothuk, mit dem Tod von 37 französischen Fischern. Die Franzosen ermutigten in der Folge ihre Verbündeten, die Micmac, sich ständig im Süden Neufundlands anzusiedeln und statteten diese mit Feuerwaffen aus. Die Beothuk waren somit vom Zugang zum Meer abgeschnitten und zogen sich ins Landesinnere zurück.

In den folgenden 150 Jahren tobte der Kampf um die Vorherrschaft in Kanada zwischen den Engländern und Franzosen, der 1763 mit einem britischen Sieg endete. Auch Neufundland fiel nun endgültig in ihre Hände. Unverzüglich begannen die Briten mit der Intensivierung der Besiedlung. Den zurückgezogen lebenden restlichen 400 Beothuk wurden nun auch die letzten Zugänge zur See versperrt und der Hunger wurde ihr größter Feind. Da sie weiterhin in den weißen Siedlungen stahlen, wurden sie für die neuen Siedler zum Freiwild, das man abschießen konnte. Im Jahre 1810 veröffentlichte die britische Regierung eine Proklamation zum Schutz der Beothuk, doch die Feindseeligkeiten gingen auch in den folgenden Jahren weiter. Eine Expedition ins Landesinnere fand 1827 keinen Beothuk mehr. Wahrscheinlich wechselten die letzten Überlebenden aufs Festland nach Labrador und gingen dort in den Montagnais oder Naskapi auf. Die letzte bekannte Beothuk, Nancy Shanawhdit, starb 1829 an Tuberkulose.